Daniel Szabo

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EssayVon Daniel Szabo4 Min. Lesezeit

Frag-Sabine-Prozesse

Die größte KI-Chance im Mittelstand liegt nicht im nächsten Pilotprojekt, sondern in den undokumentierten Sonderfällen, die heute nur Sabine kennt.

Nach 76 KI-Transformationsprojekten bleibt für mich vor allem ein Learning: Die meisten Unternehmen haben kein KI-Problem. Sie haben ein Umsetzungsproblem.

Die Technologie funktioniert. Die Demo funktioniert. Die Mitarbeiter sparen sogar Zeit. Aber in der GuV kommt erstaunlich wenig davon an.

Warum? Weil wir KI auf alte Prozesse setzen, statt die Prozesse neu zu bauen. Die KI erstellt die Analyse in 30 Sekunden. Danach kopiert jemand das Ergebnis nach Excel. Schickt eine Mail zur Freigabe. Überträgt Daten ins ERP. Und beim ersten Sonderfall heißt es: „Frag Sabine. Die weiß, wie das geht.“

Was ein Frag-Sabine-Prozess ist

Jedes Unternehmen hat sie. Der Prozess steht im Handbuch, auf dem Papier ist er sauber. In Wirklichkeit läuft er nur, weil eine Person die Ausnahmen kennt. Der Lieferant, der seine Rechnungen immer ohne Bestellnummer schickt. Der Kunde, der auf dem alten Rabattschlüssel besteht. Die Freigabe, die der Geschäftsführer nur per Zuruf erteilt.

Nichts davon ist dokumentiert. Es steht in Sabines Kopf. Sie weiß, was zu tun ist, und sie tut es seit Jahren. Niemand hat je gefragt, warum.

Diese Prozesse sind nicht besonders sexy. Rechnungen. Verträge. Freigaben. Compliance. Reporting. Sonderfälle. Aber dort steckt richtig viel Arbeit. Und genau dort scheitern die meisten KI-Projekte. Das Werkzeug schafft den Standardfall. Beim ersten Sonderfall übernimmt wieder der Mensch. Dann hat man ein neues Werkzeug, aber keine Transformation.

Warum das Pilotprojekt am Sonderfall vorbeiläuft

Ein Pilotprojekt sucht sich den sauberen Fall. Gute Daten, klarer Ablauf, eine Abteilung, die mitzieht. Das ist verständlich, aber es misst das Falsche. Der Standardfall war nie das Problem. Das Problem sind die Fälle, die anders laufen.

Ich sehe das Muster immer wieder: KI muss Menschen nicht nur schneller machen. KI muss Arbeit verschwinden lassen. Solange der Sonderfall beim Menschen landet, verschwindet keine Arbeit. Sie wird nur verschoben. Sabine hat jetzt zwei Jobs: ihren alten und die Nacharbeit der Maschine.

Deshalb liegt die Chance nicht im nächsten großen Pilotprojekt. Sie liegt in den hunderten kleinen Frag-Sabine-Prozessen, die jeden Tag überall im Unternehmen passieren.

Wie Sie die Prozesse finden

Sie müssen dafür keine Software kaufen. Sie müssen zuhören. Drei Tests haben sich bei mir bewährt:

Das Ergebnis ist eine Liste. Keine Strategie, keine Roadmap. Eine Liste von Ausnahmen, sortiert nach Häufigkeit. Das ist der Rohstoff für alles Weitere.

Wie Sie sie neu bauen

Hier hilft der Task Architect. Ich zerlege die Rolle in ihre einzelnen Aufgaben, so konkret wie möglich. Für jede Aufgabe entscheide ich, ob ein Mensch oder eine Maschine sie übernimmt. Dann baue ich den Prozess neu, statt ein Werkzeug auf den alten Ablauf zu setzen. Gemessen wird am Ende in der GuV, nicht an der Nutzung des Werkzeugs.

Ein Beispiel aus der Sachbearbeitung Eingangsrechnungen. Die Rolle zerfällt in acht Aufgaben. Fünf davon kann KI heute übernehmen: Belege erfassen, Daten ins ERP übertragen, Rechnungen prüfen, Freigaben vorbereiten, Reporting erstellen. Drei bleiben beim Menschen: Sonderfälle entscheiden, Lieferanten verhandeln, Prozess verbessern.

Der entscheidende Punkt steckt in der ersten Menschenaufgabe. Sonderfälle entscheiden heißt nicht, dass Sabine weiter jede Ausnahme von Hand löst. Es heißt, dass sie die Regel formuliert, die beim nächsten Mal gilt. Jede Ausnahme, die sie einmal entscheidet, wird zur Regel im System. Sabine arbeitet nicht mehr am Vorgang. Sie arbeitet am Prozess.

Das ist der Unterschied zwischen einem Werkzeug und einer Transformation. Das Werkzeug macht den Standardfall schneller. Die Transformation sorgt dafür, dass der Sonderfall beim zweiten Mal kein Sonderfall mehr ist.

Was mit Sabine passiert

Die Rolle verschwindet nicht. Sie verändert sich: weniger Abtippen, mehr Entscheiden. Für viele Mitarbeiter ist das zuerst eine Bedrohung. Ihr Wissen über die Ausnahmen war ihre Sicherheit. Wenn es im System steht, gehört es nicht mehr nur ihnen.

Ich sage das jedem Team, das wir übernehmen, am ersten Tag: Ihr Job verschwindet nicht durch KI. Er verschwindet, wenn Sie KI nicht nutzen und der Kollege nebenan schon. Wer die Ausnahmen kennt, ist die wertvollste Person im Projekt. Nicht, weil sie sie weiter von Hand löst. Sondern weil nur sie weiß, welche Regeln das System braucht.

Die größte KI-Chance im Mittelstand liegt nicht in der nächsten Demo. Sie liegt in den Ausnahmen, die heute im Kopf einer einzelnen Person stehen. Wer diese Ausnahmen findet, dokumentiert und in Regeln verwandelt, lässt Arbeit verschwinden. Wer das nicht tut, kauft ein Werkzeug und behält den alten Prozess. 2026 muss KI in der GuV ankommen. Der Weg dorthin führt über Sabine.

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So zitieren: Szabo, Daniel (6. Oktober 2026): „Frag-Sabine-Prozesse“. szabo.digital, https://szabo.digital/essays/frag-sabine-prozesse/